Homo-Ehe: Ja. Heteronormativität hinterfragen? Nee.
Bild: Human Rights Campaign
Mache ich zur Zeit den Computer an, springt mir ein Meer an roten Flaggen entgegen. Auf Facebook und Twitter haben viele meiner Kontakte ihre Profilbilder gegen ein rotes Bild mit zwei rosa Strichen getauscht – ein Zeichen der Unterstützung für die aktuellen Kämpfe in den USA für die Öffnung der Hetero-Ehe (und die damit verbundenen Privilegien) für lesbisch- und schwul-lebende Paare mit Heiratswunsch.
Konkret geht es um zwei Verfahren, die aktuell vor dem US-amerikanischen Obersten Gerichtshof (Supreme Court) verhandelt werden. Das eine Verfahren befasst sich mit proposition 8, einer Volksabstimmung, mit der in Kalifornien gleichgeschlechtliche Ehen verboten wurden. Das andere befasst sich mit der Verfassungsmäßigkeit von DOMA (Defense of Marriage Act, zu deutsch: “Gesetz zur Verteidigung der Ehe”), welches die Ehe als die Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau definiert. Das heisst: Auch wenn ein Homo-Paar in einem der neun Bundesstaaten plus Washington DC legalisiert geheiratet hat, wird das Paar auf der Bundesebene weiterhin benachteiligt was Steuer, Versicherung und Erbschaft angeht.
In der aktuellen Debatte geht es um die Fragen: Was ist eine Ehe? Welche Rechte stehen gleichgeschlechtlichen Ehen zu? Und: Werden diese Rechte zukünftig durch den Obersten Gerichtshof durch ein Grundsatzurteil abgesichert? Dies erscheint relativ unwahrscheinlich, aber der Druck der US-amerikanischen Öffentlichkeit zur Öffnung der Hetero-Ehe ist enorm. Auch der US-Präsident Barack Obama bezieht klar Stellung. Das Bild zur Bewegung (siehe oben) liefert Human Rights Campaign - eine Organisation, die nicht gerade für eine inklusive Bewegung steht.
Der Hype um die Homo-Ehe
Die aktuelle Aufruhr um die Homo-Ehe verwundert mich ziemlich und zwar nicht, weil mich die Forderung überrascht. Da neben einigen lesbischen und schwulen Aktivist_innen eine Vielzahl meiner Hetero-FreundInnen, die eher selten mit emanzipatorischen Botschaften auffallen, öffentlich für die Öffnung der Ehe plädieren, hat mich das nachdenklich gestimmt. Ich versuche mal, meine Gedanken zu ordnen:
Mit meinen 27 Jahren befinde mich tendenziell in dem Alter, in dem Hochzeitseinladungen ins Haus flattern. Obwohl ich einen sehr großen Freund_innenkreis habe, werde ich nicht mit Einladungen überschüttet – na gut, vielleicht haben die Heiratswütigen auch keine Lust auf eine nörgelnde Feministin in der Hochzeitsgesellschaft – aber eins ist klar: In meinem sozialen Umkreis gibt es fast keine verlobten/verheirateten Paare. Viele meiner Freund_innen lehnen die Ehe ab, nur einige wenige leben in eingetragenen Partnerschaften. Die meisten meiner Hetero-FreundInnen denken nicht ernsthaft über’s Heiraten nach, obwohl sie ohne (gesetzliche) Hindernisse heiraten könnten. Die Ehe hat also weder für meinen Freund_innenkreis noch für mich große Bedeutung und erscheint nur in wenigen Fällen wirklich sinnvoll (wenn eine_e Partner_in von Abschiebung bedroht ist, zum Beispiel).
Warum nun die Institution Ehe als *das* Schlachtfeld für “Homorechte” und gegen Homofeindlichkeit stilisiert wird, erscheint also rätselhaft. Noch rätselhafter wird es, wenn ich mich in meinem sozialen Umfeld umschaue, wer diesen Hype anführt, und wieso. Das ‘wer’ ist recht einfach zu beantworten: Neben einigen lesbischen und schwulen Aktivist_innen eine Vielzahl an hetero-lebenden Menschen. Das ‘wieso’ ist etwas schwieriger, aber ich stelle mal ein paar Mutmaßungen an:
Homo-Ehe: Yay! Heteronormativität: What?!
Gerade viele meiner hetero-Freundinnen und Freunde, die sonst relativ selten mit gesellschaftskritischen Botschaften auffallen, teilen in letzter Zeit mit Vorliebe Fotos von herzerwärmenden Homo-Paaren, denen zum vollkommenen Glück anscheinend nur noch der Ring am Finger fehlt. (“…cuz if you liked it then you should have put a ring on it” – auch Beyoncé reiht sich auf Facebook in die Reihe der Unterstützer_innen ein.) Außerdem teilen sie eine Menge Satire-Videos, die sich über “diese verbohrten Heteros” lustig machen, die gegen die Homo-Ehe sind. Wieder andere ändern ihr Profilbild, um ihre Solidarität mit der Homo-Ehe sichtbar zu machen.
“Und, was gibt’s denn da zu meckern?”, fragen sich vielleicht einige. Gleich mal vorab: Ich finde es schön, dass Heteros sich nicht immer nur mit der eigenen Lebensrealität beschäftigen. Ich finde es auch gut, dass Menschen, die sich selten zu gesellschaftskritischen Themen unterstützend äußern, mit solchen Thematiken vielleicht (erste? emanzipatorische) Politisierungen erleben. Es bleibt allerdings problematisch, wenn der einzige (oder einer der wenigen) Ansätze zu Gesellschaftskritik im Abfeiern der Homo-Ehe verharrt, und so die gesellschaftlichen Strukturen wie Homophobie und Heteronormativität, die (unter vielem anderem!) heterosexistische Institutionen wie die Ehe und die damit verbundenen Privilegien überhaupt erst hervorbringen, aus dem Blick geraten. Ja ja, Strukturen bekämpft mensch mittels der Thematisierung konkreter Sachverhalte. Aber es verwundert doch zunehmend, dass der Kampf dafür, Teil einer (schon immer ausschließenden und exklusiven) Institution wie die Ehe einen so prominenten Platz in Lesbisch-Schwulen-Kämpfen einnimmt und massenmedial und innerhalb hetero-Zusammenhängen mit so einer Vehemenz unterstützt wird.
Konkret muss ich mich fragen: Wenn die Ehe und die damit verbundenen (finanziellen) Privilegien für Lesben und Schwule geöffnet wird, was ändert dies an den Lebensrealitäten von allen Menschen, die in einem heteronormativen System jeden Tag um Sichtbarkeit_Anerkennung_Unversehrtheit kämpfen müssen? Welche Lebensrealitäten werden im Kampf für die Homo-Ehe verhandelt, welche fallen hinten runter? Was nützt die Homo-Ehe, die exklusiv zwei Menschen als eine Verbindung imaginiert, jenen (Liebes)Beziehungen, die zum Beispiel aus drei oder vier Menschen besteht? Wieso werden die transfeindlichen und rassistischen Vorkommnisse innerhalb der Bewegung kaum thematisiert? Und wieso Teil eines heteronormativen und bis vor wenigen Jahrzehnten rassistischen Clubs werden, ohne dass dieser sich inhaltlich neu formieren muss?
Gesellschaftskritik ohne Hinterfragung eigener Normalitäten
Ich glaube, dass die Vielzahl an hetero-Menschen, die gerade (fast pflichtbewusst) Pro-Homo-Ehe Botschaften auf diversen sozialen Netzwerken teilen, eine niedrigschwellige Möglichkeit gefunden haben, Gesellschaftskritik zu üben, ohne eigene heteronormative Normalitäten zu sehr in Frage stellen zu müssen. Es sind (teilweise) die gleichen Menschen, die ich ab und zu daran erinnern muss, dass ‘schwul’ kein Schimpfwort ist; oder dass es nicht cool ist, davon auszugehen, dass Frauen automatisch auf Männer stehen; oder dass ihre raumeinnehmende Heteroperformance auf Partys nicht für alle cool ist, denn diese Öffentlichkeit können sich nicht alle erlauben, ohne mit Blicken, Sprüchen oder gar Gewalt sanktioniert zu werden. Unter den Homo-Ehe-Verfechter_innen sind auch so einige Hetero-Typen, die gerne homo-erotische Witzchen machen, aber bloß niemals von irgendjemanden so gelesen werden wollen, weil ein Typ, der als schwul gilt, in der Typen-Hierarchie nicht weit oben angesiedelt ist. Aber heiraten sollen die Homos können, da ist mensch großzügig.
Solidarität, aber wie?
Wie kann ich also Kämpfe unterstützen, die vielleicht gar nicht meine eigenen sind? Einfach Klappe halten? Nee, ganz sicher nicht. Ein guter Anfang: Fünf Tipps, um Heterosexismus zu bekämpfen. Ich finde es auch nicht grundlegend scheiße, sich für die Homo-Ehe (unterstützend) einzusetzen, auch wenn das nicht meine Idee von radikaler Gesellschaftskritik ist. Wenn die aktuelle Gesellschaft der politische Bezugsrahmen ist, würde ich wahrscheinlich auch nicht gegen die Homo-Ehe stimmen (es gibt, wie oben angesprochen, u.a. politische Gründe zu heiraten). Aber Solidarität für von Homofeindlichkeit betroffene Menschen entsteht nicht dadurch, einen entrüsteten Status-Update auf Facebook zu veröffentlichen, dass Lesben und Schwule immer noch nicht heiraten dürfen. Für einige mag es neu sein, aber Schwule und Lesben, die in Zweier-Liebesbeziehungen leben und heiraten möchten, sind nicht die einzigen, die von Heteronormativität betroffen sind.
Im aktuellen Kampf um die Homo-Ehe geht es sehr häufig um die Interessen von wohlhabenden, weißen Lesben und Schwulen. Dies bedeutet, dass im Zuge des Lobbying für die Homo-Ehe oftmals vergessen wird, dass (insbesondere prekarisierte und_oder von Rassismus betroffene) queere_trans*_schwul_ lesbische_bi Menschen teilweise noch nicht einmal fundamentale Grundrechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit besitzen. Fragen um eine ausreichende Krankenversicherung, ein Dach über dem Kopf oder Schutz im Falle von Gewalt_Diskriminierung sind für viele die viel dringlicheren politischen Fragen, so dass der Kampf um die Homo-Ehe automatisch einen untergeordneten Stellenwert haben muss. Dass es die Homo-Ehe ist, die massenmedial so prominent verhandelt wird, zeigt auf, dass innerhalb der Bewegung privilegierte Lesben und Schwule mehr gehört und in ihren Interessen stärker vertreten sind. Mia McKenzie stellte auf dem sehr empfehlenswerten Blog Black Girl Dangerous schon im letzten Jahr (als Obama sich zum ersten Mal öffentlich positiv zur Homo-Ehe äußerte) folgende wichtige Fragen:
Was tut die Homo-Ehe für wohnungslose queere Jugendliche? Wie hilft sie Trans*Menschen, die auf offener Straße ermordet werden? Was tut sie für die Armen, von denen viele queere People of Color sind? Wer profitiert wirklich von der Homo-Ehe? (meine Übersetzung)
Klar ist: Die Ehe als Institution hat bisher lediglich Platz für Menschen, die in ihren Pässen jeweils ‘Mann’ und ‘Frau’ stehen haben. Dass diese nun geöffnet werden soll für das homonormative Mann-Mann und Frau-Frau Schema, ist zwar eine vermeintlich progressive Veränderung, sie geht allerdings mit der Tatsache einher, dass ganz viele Lebensrealitäten damit wieder einmal auf ihren (unsichtbaren) Platz verwiesen werden.
Gesellschaftskritik ist (auch) Selbstkritik
Für mich beinhaltet Gesellschaftskritik eine selbstkritische Auseinandersetzung mit eigenen Selbstverständlichkeiten, mit unhinterfragten Normalitäten. Für die Homo-Ehe zu sein, ist da erst einmal nicht sonderlich schwer: Zwar werden Heteroprivilegien hinterfragt was den Bund der Ehe angeht. Für die hetero-lebenden Menschen in meiner Umgebung, für die die Ehe fast kein Referenzpunkt ist, hat die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule allerdings keinerlei Auswirkung auf die eigene Lebensrealität. Schwierig wird es nämlich erst, wenn der Kampf gegen Homophobie und Heteronormativität die eigene Lebensrealität in Frage stellt – und das müsste es eigentlich. Dann müsste ich meine FreundInnen nicht auf oben genannte Dinge aufmerksam machen, auf diese kleinen und großen diskriminierenden und für sie völlig selbstverständlichen Handlungen.
Was (und wem?) nützt der Status Update auf Facebook, der sich für die Homo-Ehe ausspricht oder das Meer an roten Flaggen, wenn der nächste homofeindliche Spruch schon locker auf der Lippe sitzt, wenn der heteronormative Alltag doch gleich bleibt?
Opferschutz durch anonymisierte Spurensicherung nach Vergewaltigungen
Als erstes Bundesland plant Schleswig-Holstein eine flächendeckende anonyme Spurensicherung bei Vergewaltigungen:
„Die sofortige Anzeigenerstattung verlangt das erneute Durchleben der Tat gegenüber einer fremden Person, ohne die Tat seelisch verarbeitet zu haben“, sagt Dudda. So sei auch zu erklären, dass nur ein Bruchteil der Fälle sexualisierter Gewalt gegen Frauen über 16 Jahren zur Anzeige komme.
Doch für eine spätere Verurteilung des Vergewaltigers seien Frauen oft auf die ihre Aussage stützenden Spuren angewiesen, wenn nicht später vor Gericht die Situation „Aussage gegen Aussage“ eintreten solle oder sie mit entwürdigenden „Vergewaltigungsmythen“ wie Rache-Motiven konfrontiert werden möchten. Und diese Spurensicherung muss in der Regel binnen 24 Stunden nach der Vergewaltigung erfolgen.
Selbermachsonntag (31.03.13)
Liebe Les_erinnen, ihr kennt das Prozedere ja mittlerweile: Jeden Sonntag soll hier Platz sein für eure Gedanken rund um Feminismus, die Dinge die euch Freude und Ärger bereitet haben, eure eigenen Blogeinträge (oder die von anderen) und Austausch untereinander. Viel Spaß und angenehme Rest-Feiertage!
Warum ich das Wort „Schmarotzer“ liebe
Schmarotzer sind ganz normal, so wie dieses Prachtexemplar. Auch zur menschlichen Natur gehört das Schmarotzertum unweigerlich dazu. Man sollte nur wissen, wie es geht. Foto: Apolemus/Flickr.com – Lizenz CC BY-NC-SA
Nach meinem gestrigen Post gab es wieder viele Reaktionen auf meine unbekümmerte Verwendung des Wortes Schmarotzer. Das war ja ein Selbstzitat: Schon vor einiger Zeit habe ich das Wort „Internetschmarotzer_innen“ erfunden, für diejenigen Leute, die nur Sachen aus dem Internet herausholen und nichts reinschreiben. Schon damals war in den Kommentaren heftig darüber diskutiert worden, ob man das Wort verwenden darf. Ich meine (obviously): Ja.
Ob Worte funktionieren und so verstanden werden, wie ich sie gemeint habe, liegt natürlich nicht in meiner Hand. Das ist eine Sache des Experimentierens. Im Fall des „Internetschmarotzertums“ hat es allerdings funktioniert. Ich werde bis heute immer wieder auf dieses Wort angesprochen, vor allem wenn ich außerhalb des Internets Menschen – meistens Frauen – begegne, die das Wort auf sich selbst beziehen und es offenbar genauso verstanden haben, wie ich es gemeint habe. Sie sagen zum Beispiel Sachen wie „Ich bin ja auch so eine Internetschmarotzerin, über die du neulich geschrieben hast“, und sie sind mir deshalb gar nicht böse. Offenbar haben sie es – meiner Intention entsprechend – nicht als moralischen Vorwurf empfunden, sondern als einen Hinweis, der sie zum Nachdenken angeregt hat. Tatsächlich haben sich im Anschluss an meinen damaligen Post viele interessante und weiterführende Debatten und Gespräche ergeben.
Ich glaube, das liegt daran, dass Schmarotzen einfach ein schönes Wort ist, das sowohl ästhetisch wie auch inhaltlich noch nicht auf den Friedhof der ausgestorbenen Wörter gehört. Man kann damit etwas nach wie vor Wichtiges benennen.
Der Hauptgrund, warum ich dieses Wort verwendet habe, ist, dass es mir gefällt. Ich spreche (und blogge) immer möglichst spontan, also ohne Wörter auf die Goldwaage zu legen, weil ich glaube, dass es etwas bedeutet, wenn Wörter mich anziehen (oder abstoßen). Und „Schmarotzer“ ist so ein Wort, das mich anzieht. Vor Jahren habe ich mir über diesen Unterschied zwischen „schönen Wörtern“ und „Scheißwörtern“ schon mal Gedanken gemacht, damals war mein Ausgangswort „Balustrade“, das ich auch sehr schön finde, aber es ist natürlich auch weitaus weniger kontrovers.
Es ist mit Wörtern immer so eine Sache, verschiedene Menschen verstehen sie unterschiedlich, und Schmarotzertum ist sicher ein sehr belastetes Wort, weil es so oft moralisch und abwertend gebraucht wurde und wird – nach dem Motto: Du lebst auf Kosten anderer, schäm dich, arbeite mal was! Das zieht dann gewöhnlich die Gegenreaktion nach sich: Stimmt gar nicht! Ich bin kein Schmarotzer, ich habe mir das verdient, das ist mein gutes Recht und so weiter. Aus dieser Diskursfigur entstammt wohl die große Ablehnung dem Begriff gegenüber.
Wer hier schon ein bisschen länger liest, weiß, dass ich das anders sehe. Erstens finde ich moralische Argumentationen ohnehin sinnlos und zweitens und vor allem finde ich Schmarotzertum ganz normal. Wir alle leben schließlich auf Kosten anderer, das gehört sozusagen zur contitio humana untrennbar dazu. Eine Freundin schrieb auf Facebook unter meinen Post von gestern, sie müsse aber eine Internetlektüreschmarotzerin sein, weil sie sonst keine Zeit zum Übersetzen wichtiger Texte hätte. Das finde ich völlig okay. Wichtig ist nicht, dass sie nicht schmarotzt, wichtig ist, dass sie weiß, dass sie es tut, und verantwortlich damit umgeht.
Zum gekonnten Schmarotzen gehört dazu, dass man sich dessen bewusst ist – dass man nämlich an einem bestimmten Punkt auf Kosten anderer lebt – und das nicht verschleiert, sondern sich zum Beispiel dafür dankbar zeigt. Ich hatte mal einen Freund, der wenig Geld hatte, und für den ich ganz häufig mitbezahlte. Seine Geldnot war größtenteils selbst gewählt, er strengte sich nämlich mit dem Geldverdienen nicht sonderlich an. Ich hatte überhaupt nichts dagegen, oft für ihn zu bezahlen, ich wusste, worauf ich mich einließ und hatte mich ja dafür entschieden. Nicht zufrieden war ich hingegen damit, dass er sich weigerte, diesen finanziellen Aspekt unserer Beziehung realistisch anzuerkennen. Es war für ihn wie ein Tabu. Immer wenn ich es aussprach, dass ich fast alles bezahlte und er nichts, machte er mir eine regelrechte Szene und stellte es so dar, als würde ich mir das nur einbilden. Deshalb verlor ich irgendwann die Lust daran und beendete die Beziehung.
Schmarotzertum ist okay, aber nur, solange man verantwortlich und realistisch damit umgeht und es nicht unter den Teppich kehrt und die Illusion erweckt, man würde gar nicht schmarotzen. Das heißt, wenn ich sage: „Das ist Internetlektüreschmarotzertum“, dann meine ich das nicht moralisch in dem Sinn von „das dürft ihr nicht machen“, sondern realistisch in dem Sinn von „das ist es, was ihr macht, beachtet bitte die Konsequenzen und übernehmt dafür Verantwortung“.
Samstagabendbeat mit Laura Mvula
2013 könnte das Musik-Jahr für Laura Mvula werden. Bei Africa Is A Country schaffte es bereits ihre digitale EP “iTunes Festival 2012” auf die Liste der besten Alben 2012. Obwohl ja eigentlich gar kein Album und überhaupt – aber was gut ist, ist einfach gut.
Am 4. März kam nun ihr Debüt-Album “Sing To The Moon” heraus. Und es ist – wie zu erwarten war- ziemlich großartig. Diese Woche gab es endlich das Video zur neuen Single “That’s Alright”:
Und falls ihr Laura Mvula weiterfeiern wollt, gibt es hier noch das Video zu “Green Garden”:
Gegen geistige Beschränktheit
Sibylle Berg teilt aus:
Wovon fühlen sich die Gegner der absoluten Gleichberechtigung aller eigentlich bedrängt? Leiden sie so sehr an ihrem eigenen Lebensentwurf, dass sie andere darum bestrafen wollen? Denken sie: Wenn es mir schlecht geht, der ich gesellschaftliche Normen erfülle, dann sollen andere auch keinen Spaß haben? Von was fühlt sich der gemeine Sexist verdammt noch mal bedroht, was ekelt ihn, was macht ihn hassen?
Sexistische Beziehungsdynamiken, Rollenerwartungen und rassistische “Heimat” – die Blogschau
Nicole von Horst analysiert auf ihrem Blog die Komplexität von Komplimenten.
Eine Nachricht an Spiegel Online und den Werberat für sexistische und gewaltverherrlichende Werbung schreibt Helga.
Madameadammusic macht sich Gedanken über die Riot Grrrl Bewegung in Deutschland. Wo steht sie heute? Was ist von ihr übrig geblieben und wie kann Riot Grrrl intersektional gedacht werden?
Riot Trrrans* hat über cissexistische Grenzüberschreitungen geschrieben und musste nicht lange warten, bis sich die Relativier_erinnen eingefunden haben. Darauf gibt’s dann auch noch die passende Antwort.
Wer darf Familien mit Kindern verlassen ohne gesellschaftliche Sanktionen zu befürchten? In erster Linie der (“biologische”) Vater. Frauen hingegen “lassen ihre Kinder im Stich“, wenn sie sich nach der Geburt aus verschiedenen Gründen temporär oder dauerhaft gegen ein Leben mit Kindern entscheiden, kritisiert talentfreischön.
Auf anarchie & lihbe stellt sich Andy Misandry den gesellschaftlichen Erwartungshaltungen an Menschen, die als Frauen eingelesen und behandelt werden sowie den daraus resultierenden Zurichtungsprozessen und Umgängen damit.
Julia von Mein Augenschmaus hat das Hilfetelefon des Bundesfrauenministeriums auf seine Zugänglichkeit für Gehörlose und Schwerhörige und andere Barrieren hin geprüft und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis.
Jay fragt im Virtual Retreat Center, was Solidarität bedeutet und wie emotional belastend das Ringen um Solidarität sein kann.
Undercover of Color macht einen Ausflug in die “Heimat”, nach Deutschland, und muss feststellen, dass hier nicht alle Menschen mit offenen Armen empfangen werden.
Maria beschäftigt sich mit den sexistischen Dynamiken, die sich einschleichen, wenn mensch auch Beziehungen mit Typen führt und wie schwer es ist, aus diesen auszubrechen.
Don’t degrade Debs Darling ist glücklich. Doch dieses Gefühl und sein Verbleiben muss immer wieder hart erkämpft werden. Trotz und gerade wegen vieler gesellschaftlicher Einsprüche dagegen.
Miss Temple beantwortet in ihrem FAtQ dickenfeindliche Fragen und stellt damit viele Selbstverständlichkeiten in Frage.
Das österreichische feministische Gemeinschaftsblog Sugarbox nimmt den Fall Steubenville und das “Mutter-Töchter-Argument” unter die kritische Lupe.
Nochmal Helga: Sie hat eine Liste von Speakerinnen aus den verschiedensten Bereichen zusammengestellt. Für alle, die mal wieder nach Ausreden suchen, warum ihre Panel männerdominiert sind.
Viel mehr verlinkten Lesestoff aus dem geekigen Bereich gibt es bei Femgeeks.
Vom 17. bis 20. Mai findet das Lesbenfrühlingstreffen in München statt. Workshops, Vorträge, Filme und Podiumsdiskussionen zu Lesbengeschichte und Lesbenpolitik, Empowerment, Spaß, Gesundheit, Dialog der Generationen, Sexualität, verschiedenen Feminismen, Sport, eine Demonstration in der Innenstadt, internationalen Aktivistinnen, Bands und vieles mehr erwartet euch.
Geschichtsrevisionismus und transphobe Hetzartikel – kurz verlinkt
“Unsere Mütter, unsere Väter” und die Nachbeben: Die volle Ladung Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und Rassismus einer ZDF-Reihe, unter anderem im dazugehörigen Rahmenprogramm. Publikative fasste es nochmal zusammen.
Ebenfalls unter aller Kritik: Die ganzen Peinlichkeiten rund um den beginnenden NSU-Prozess.
Es gab einen ganz argen Unterwäsche-Spot, der auf dem Pussy-Riot-Fall trittbrettfährt, und zum Glück aber auch das hier: Pussy Riot political Art.
Zur Zielgruppe der Onlinebefragung www.elternzeitvaeter.de gehören erwerbstätige Väter, die seit 2007 ein Kind bekommen haben und vor der Entscheidung standen, Elterngeldzeit zu nehmen sowie deren Partnerinnen. Weitere Informationen über das Projekt gibt es hier.
[Triggerwarnung: Transphobie, Suizid]: Zinnia Jones auf FreethoughtBlogs berichtet über den Suizid von Lucy Meadows, einer Trans*Frau und Grundschullehrerin, die einem unfassbar widerlichen Hetzartikel der Daily Mail ausgesetzt war (Englisch).
Das Katja Riemann-Interview wurde in den letzten Wochen heiß diskutiert. Ein richtig guter Text über die Zumutungen des Schauspielerinnen-Interviews erschien beim Freitag.
Kate Bornstein, eine Trans*aktivistin, hat Krebs und ist nicht ausreichend versichert. Ihr könnt spenden: Hier.
Über Pionierinnen im Bauhaus und die Steine, die ihnen in den Weg gelegt wurden, berichtet die New York Times.
Auf Africa is a Country erschien ein Interview mit Soraya Moreyef.
Alle reden über Jon Hamms Penis? Ganz ehrlich, wayne?
Termine nach dem Klick:
Für ganz Spontane: Heute in Rostock ab 18 Uhr, grrrlz*DaIY am Karfreitag zum Thema „Sexismus in der linken Szene“.
Vom 13. bis 14. April findet die Frauenschifffahrt statt, abgelegt wird im Rheinhafen Karlsruhe.
Internetlektüreschmarotzer!
Im Zusammenhang mit dem Ende des Google Readers wurde häufig die Frage gestellt, wofür man Reader denn überhaupt noch braucht, wo wir doch inzwischen unsere Tageslektüre über die Timelines der sozialen Netzwerke bekommen. Viele haben gesagt, sie hätten zwar einen Reader, würden aber nur selten darin lesen, weil sie ihre Lesekapazität schon mit Facebook- oder Twitter-Links aufgebraucht haben.
Das finde ich krass, denn es stellt sich ja sofort die Frage, wie denn dann Sachen in die sozialen Medien reinkommen, wenn wir alle nur noch von dort unsere Quellen holen und lediglich weiter teilen, was schon drin ist. Irgendjemand muss doch erst einmal interessante Texte von draußen da rein bringen (Ja, und auch Menschen, die nicht auf Facebook sind, können interessante Blogposts schreiben!). Von daher bin ich fast geneigt, Leute, die ihre Internetlektüre ausschließlich aus sozialen Medien beziehen, als „Internetlektüreschmarotzer“ zu bezeichnen, analog zu meinen „Internetschmarotzern“ von damals.
Ich würde mich niemals auf die in Twitter und Facebook weitergereichten Empfehlungen beschränken wollen, denn da ist der Hypisierungsgrad viel zu groß. Das Wichtigste daran, wenn man bei der Lektüre von Zeitung auf Internet umsteigt (und damit meine ich nicht von Papier auf Screen, sondern von einem von einer Redaktion zusammengestellten Bündel von Texten und Bildern zu allen möglichen Themen hin zu einer selbst ausgefilterten Auswahl), dann ist es doch gerade wichtig, dafür zu sorgen, dass man der eigenen Filterbubble, auch wenn sie etwas Tolles ist, regelmäßig Frischluftzufuhr von außen verschafft.
Und dafür braucht es unbedingt beides: Reader und Empfehlungen in sozialen Netzwerken. Im Reader kommen mir die leisen Texte der Blogs, die ich abonniert habe, auf den Schirm, die hintergründigen, wenig Hype geeigneten, die aber trotzdem oft sehr interessant sind, jedenfalls für mich, wenn auch nicht für viele andere (wie ich dann an den geringen Retweetraten sehe, wenn ich sie bei Twitter oder Facebook empfehle). Über die sozialen Netzwerke hingegen bekomme ich mit, wenn irgendwo etwas außerhalb der von mir abonnierten Adressen hyped. Das erweitert meinen Horizont natürlich ebenfalls und bringt mich manchmal auch zu neuen Blogabos.
Beides sind zwei völlig unterschiedliche Weisen, neuen Input zu bekommen, ich würde fast sogar sagen, es sind zwei konträre Weisen. Deshalb sind sie beide unverzichtbar und man kann niemals die eine durch die andere ersetzen. Finde ich.
Lady-Gaga-Birthday: Willkommen, 27
Flickr (c) qthomasbower
Rrrrah rrrah ah-aaaaah, rrrro mah ro-mah-mah: Jopp, richtig, Lady Gaga wird heut 27. Und was kann mensch nicht alles über Gaga streiten. Und an ihr rummäkeln. Und überhaupt. Aber ich feier Gaga ganz oft. Zum Beispiel für das hier:
“I don’t speak German but I can if you like: Ich schleiban austa be clair es kumpent madre monstère, aus-be aus-can be flaugen fräulein uske-be clair. (…) Scheiße Scheiße be mine.” (Lyrics aus ihrem Track “Scheiße”)
Oder für das “Born this Way”-Cover von Lamiya Slimani und HerrTutorial (auch wenn ich “Born this Way” für einen eher schwächeren Gaga-Titel halte). Und für “Alejandro“. Und viele ihrer Outfits. Und dass sie irgendwie musikalisch alles kann – von Songs schreiben für die Pussycat Dolls bis hin zu Klavier spielen mit Onkel Elton John. Und anlässlich ihres Geburtstags bin ich nochmal tief in mich gegangen. Und habe meinen Gaga-Lieblingstrack hervorgekramt. (Zum weiterlesen übrigens: Zack, zack und zack.)
Happy Birthday, Stefani. Zack:
50/50 bedeutet nicht die Auflösung aller Ungerechtigkeiten
Dieser Text erschien vor einigen Tagen als Gastbeitrag auf Lisas Blog fuckermothers. Jochen König ist Autor und lebt mit seiner dreijährigen Tochter in Berlin. Wir danken ihm und den Fuckermothers für die Erlaubnis zum Crossposten!
Gerade habe ich mich an einen Text übers Elternsein und Geschlechterverhältnisse gesetzt, den ich seit ein paar Wochen schreiben möchte, da erscheint ein Artikel von Stefanie Lohaus auf Zeit Online vielfach auf meiner facebook-timeline: Es geht um das Prinzip 50/50. Sie beschreibt wie sie sich mit ihrem Partner gleichberechtigt um das gemeinsame neugeborene Kind kümmert und greift dabei zwei Aspekte auf, über die ich aus meiner Perspektive als Vater seit einiger Zeit nachdenke.
Sicherlich ist es ein Fortschritt, dass solche Modelle in einer solch breiten Öffentlichkeit diskutiert werden. Das Abfeiern von 50/50-Arrangements finde ich jedoch ermüdend. Der Zusammenhang zwischen Elternsein und Geschlechterungerechtigkeit lässt sich nicht auflösen, indem die Väter die Hälfte der möglichen Elternzeit nehmen.
Ein Plädoyer für eine 50/50-Aufteilung lässt sich mit meinem (pro-)feministischen Anspruch nicht vereinbaren. Das heißt nicht, dass eine solche Aufteilung nicht als Ergebnis am Ende eines Aushandlungsprozesses herauskommen kann. Als Ziel zu Beginn eines Aushandlungsprozesses taugt es aus meiner Sicht als Vater aber nicht. Unterschlagen wird viel zu oft, dass Mutter und Vater aus ungleichen Ausgangssituationen in die Diskussion um die Aufteilung der Verantwortung und der Elternaufgaben gehen. Väter haben in den meisten Fällen viele Möglichkeiten mit der eigenen Rolle umzugehen. Sie können die klassischen Rolle des Familienernährers wählen oder die des „modernen“ Vaters, der sich für sein Kind engagiert. Viele Väter wählen auch eine dritte Möglichkeit: sie entziehen sich (nahezu) komplett der Verantwortung und kümmern sich weder um das Kind noch tragen sie über das einklagbare Maß zum Familienunterhalt bei. Die Wahlmöglichkeiten der Mütter sehen ganz anders aus. Wenn der Vater keine Lust hat ein „moderner“ Vater zu sein, liegen sie irgendwo zwischen: beim Kind bleiben und beim Kind bleiben. Und selbst wenn ein Vater für eine 50/50-Aufteilung plädiert, liegen die Möglichkeiten der Mutter immer noch nur zwischen beim Kind bleiben und die Hälfte der Zeit beim Kind bleiben. Von Müttern wird häufig wie selbstverständlich erwartet, dass sie ihre Mutterrolle erfüllen, indem sie (notfalls auch alleine) beim Kind bleiben. Und auch die fehlenden Betreuungsangebote gerade für kleinere Kinder führen in der Realität in den meisten Fällen nicht zu zusätzlichen Möglichkeiten. Wenn nun Väter ihre Entscheidung gegen die klassische Rolle des alleinigen Familienernährers und für eine 50/50-Aufteilung als Zugeständnis zu einer fairen und „gleichberechtigten“ Lösung verkaufen wollen, lassen sie sich für eine Entscheidung feiern, die die Mutter in dieser Form erst gar nicht treffen kann.
Gleichberechtigung bedeutet – zumindest in meinem Verständnis – nicht, dass beide Elternteile 50% der anfallenden Aufgaben übernehmen müssen. Gleichberechtigung sollte vielmehr bedeuten, dass auch die Mutter die Möglichkeit haben muss sich zu entscheiden. Solange sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht grundlegend ändern, besteht für mich als Vater (wenn ich ein gleichberechtigtes Elternverhältnis anstrebe) auf der individuellen Ebene die Aufgabe, für die Mutter meines Kindes die Voraussetzungen für eine möglichst große Entscheidungsfreiheit zu schaffen. Das bedeutet für mich: Ich muss deutlich machen, dass ich gerne dazu bereit bin (auch alleine!) mit dem Kind zuhause zu bleiben! Nur dann hat auch die Mutter die Möglichkeit zu entscheiden, ob sie mit ihrem Einkommen die Familie ernähren möchte, ob sie sich komplett aus ihrer Verantwortung verabschiedet, ob sie eine 50/50-Aufteilung wünscht (oder ob vielleicht doch lieber sie alleine mit dem Kind zuhause bleiben möchte).
Leider hat die Mutter auch in diesem Fall noch immer mit einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung zu kämpfen, die es ihr nicht einfach macht von der klassischen Mutterrolle abzuweichen und sicherlich funktioniert der Aushandlungsprozess auch in diesem Fall nicht völlig außerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Von „freien“ Entscheidungsmöglichkeiten zu sprechen ist also immer schwierig, es wäre aber schön, wenn Väter diesen Aspekt in ihrer Beurteilung des 50/50-Prinzips berücksichtigen würden.
Teil 2 der Serie „Das Prinzip 50/50“ soll sich mit dem Thema Stillen beschäftigen: „Viele Aufgaben können sich junge Eltern teilen. Das Stillen nicht.“ Neben dem grundsätzlich fehlenden Engagement der Väter funktioniert Stillen als Haupthindernis auf dem Weg zur gerechteren Aufteilung der Belastungen und der Verantwortung, die das Leben mit Kind mit sich bringt. Das Still-Argument bietet eine super Ausrede für Väter gerade in den ersten Lebensmonaten der Mutter den größten Teil der Verantwortung zu überlassen und das Argument bleibt eigentlich fast immer unhinterfragt. Ich möchte in keinem Fall eine Mutter kritisieren, weil sie ihr Kind stillt. Problematisch finde ich mit welcher Selbstverständlichkeit sich Väter aus dieser Verantwortung zurückziehen und das Stillen als außerhalb der Diskussionen um die Aufteilung der anfallenden Aufgaben betrachten, weil Väter angeblich nun mal einfach nicht stillen können.
Ich möchte ein Vater sein, der mit ebensolcher Selbstverständlichkeit sagt: Ich kann stillen! Ich kann das vielleicht nicht mit meiner Brust und benötige dazu gewisse technische Hilfsmittel. Auch hat meine Milch nicht automatisch die optimale Temperatur, sondern ich muss sehr bewusst darauf achten. Es gibt Mütter, die benötigen zum Stillen ebenfalls technische Hilfsmittel wie beispielsweise Stillhütchen. Können diese Mütter deshalb nicht stillen? Ich benötige Flasche, Sauger und Milch zum Anrühren. Väter können stillen. Sicherlich bliebe das nicht ohne Konsequenzen, wenn sich ein Paar dazu entscheidet, dass sie sich diese Aufgabe teilen möchten. Es würde höchstwahrscheinlich bedeuten, dass die Mutter auch ihren Teil des Stillens nicht mehr mit der eigenen Brust erledigen kann. Es gibt also auch durchaus nachvollziehbare Gründe sich dagegen zu entscheiden diese Aufgabe aufzuteilen. Egal wie sich ein Paar entscheidet: diese Aufgabe nicht zu teilen, scheitert nicht grundsätzlich am „Können“, sondern am „Wollen“ (in erster Linie am „Wollen“ der Väter). Und wenn der Vater nicht „will“ und die Aufgabe wie selbstverständlich der Mutter zuweist, scheitert das Teilen der Aufgabe aus Sicht der Mutter natürlich auch wieder am „Können“.
Selbstverständlich können sich Eltern trotz allem bewusst und gemeinsam dafür entscheiden, dass diese Aufgabe allein von der Mutter übernommen wird. Ein Vater, der die Frage allerdings erst gar nicht zur Diskussion stellt oder von sich behauptet nicht stillen zu können bzw nicht bereit ist das Stillen auch alleine zu übernehmen, kann für sich – meiner Ansicht nach – nicht in Anspruch nehmen zumindest annähernd mit der Mutter des eigenen Kind auf Augenhöhe über die Aufteilung der Aufgaben zu verhandeln.
Damit es nicht zu Missverständnissen kommt: Ich finde den Text von Frau Lohaus interessant, nachvollziehbar und gut. Mir geht es in keiner Weise darum das von ihr geschilderte Modell auf der individuellen Ebene zu kritisieren. Vielmehr möchte ich darauf hinweisen, dass es aus Väterperspektive auf dem weiten Weg zum schönen Leben für alle nicht ausreicht sich lediglich positiv darauf zu beziehen. An mindestens den beiden geschilderten Punkten ist eine weitere Reflexion der eigenen Vaterrolle nötig. Auch darüber hinaus gibt es natürlich immer noch weitere Aspekte, die berücksichtigt werden sollten, hier leider zu kurz kommen und hoffentlich an anderer Stelle weiter diskutiert werden. Um nur einen weiteren Aspekt zu nennen: Warum haben homosexuelle Paare noch immer nicht die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare? Und was hat das beispielsweise mit der ganz individuellen Performance von heterosexuellen Eltern in der Öffentlichkeit zu tun?
Zehn Fragen an einen Feministen
Nils Pickert stellt sich „zehn Fragen an einen Feministen“.
Im April: Frauen*FrühlingsUniversität 2013
Es fühlt sich vielleicht vielerorts nicht wirklich danach an, aber es ist tatsächlich inzwischen Frühling. Von Donnerstag, 18. bis Sonntag, 21. April läuft im österreichischen Burgenland auf der FriedensuniversitätBurg Schlaining also die Frauen*FrühlingsUni 2013 (hier der Link zum Facebook-Event). Was wird dort passieren? Die Veranstalter_innen erzählen:
Im Rahmen des Wochenendseminars werden von Frauen* für Frauen* Vorträge und Workshops zu frauenpolitischen und wissenschaftlichen Themen angeboten. Mit insgesamt circa 20 verschiedenen inhaltlichen Programmpunkten und einem kulturellen Rahmenprogramm mit Ausstellungen sowie Konzerten ist für viel Raum für den Wissens- und Gedankenaustausch sowie Vernetzung gesorgt.
Das Programm der Frauen*FrühlingsUniversität 2013 ist online abrufbar. Anmelden kann man sich hier. Wer von der Veranstaltung aus twittern möchte oder Tweets nachlesen: Das Hashtag wird #FFU13 sein.
Feministische Bündnisse über Grenzen hinweg
Noch sind wir alle, die wir das vergangene Wochenende bei “Mobilize! International Activism Conference” verbrachten, ganz schön geschafft, beim Verarbeiten aller Erlebnisse, den bereichernden Gesprächen, dem Anknüpfen an feministische, netzpolitische Debatten über Grenzen hinweg, im off, und an neue Kontakte, die entstanden, aber auch beim Kritikformulieren, zum Beispiel am abrupten Abbruch der folgenden Diskussion.
Trotzdem wollen wir euch die Videoaufnahme zu dem von uns gehosteten Panel zu feministischen Bündnissen nicht vorenthalten. Denn da saßen wundervolle Aktivistinnen zusammen und hatten viel Wichtiges zu sagen. Neben Sabine von der Mädchenmannschaft, die moderierte, nahmen auf dem Podium platz:
- Miss Kaewmala von thaiwomantalks.com, Thailand
- Elizabeth Ngari von Women in Exile, Deutschland
- Sheena Gimase Magenya von Sister Namibia, Namibia
- Arevik Martirosyan von heghaforum, Armenien
- Lala Aslikyan, LGBTIQ-Aktivistin, Psychologin, Armenien
Für diejenigen, die sich das Panel lieber anhören möchten, gibt es hier die Tonaufnahme.
Grundeinkommen und Sorgearbeit, Update.
Wer nach meinem neulichen Rant zum Thema „untaugliche Argumente für ein Grundeinkommen“ noch bezweifelt hat, dass Teile der Grundeinkommensbewegung tatsächlich meinen, die Sorgearbeit würde dann ja umso besser in Zukunft von den Frauen gemacht werden können, und die dürften sich dann sogar darüber freuen, weil sie ja das Grundeinkommen hätten, braucht nur mal diese Sendung des Bayrischen Rundfunks anschauen. Darin wird Götz Werner mit der Ansicht zitiert, das Grundeinkommen sei eine Bezahlung für Frauen, die Sorgearbeit leisten (letzter Satz vor dem letzten Zitat).
Danke, dass ich das nun schriftlich habe – bisher hatte ich das ja von ihm nur mündlich gehört und es war immer mal wieder bezweifelt worden, dass er das tatsächlich so sieht. Um es nochmal klar zu machen: Der Punkt ist hier nicht bloß die stereotype Geschlechtsrollenverteilung. Auch wenn die Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern gleich verteilt wäre (was sie natürlich nicht ist), wäre das Argument grundfalsch. Denn es gäbe immer noch die Ungleichverteilung zwischen denen, die Sorgearbeit leisten, und denen, die es nicht tun. Wenn das Grundeinkommen leistungsunabhängig sein soll, kann es nicht die ökonomische Organisation von Sorgearbeit ersetzen.
In der deutschen Grundeinkommensbewegung, die Götz Werner wegen seines Unternehmertums und seinen pro-kapitalitischen Argumenten größtenteils sehr skeptisch gegenüber steht, gehörte ich bisher immer zu denen, die für eine Zusammenarbeit mit ihm und seinen Anhänger_innen plädiert hat. Weil das Grundeinkommen meiner Ansicht nach nur als breit angelegtes gesellschaftliches Konzept eine Chance hat, und weil ich es in der Tat großartig finde, wie sehr Götz Werner dazu beigetragen hat, das Thema in die Debatte zu bringen. Das finde ich auch weiterhin.
Ich kann damit leben, dass Götz Werner gleichzeitig eine ziemlich altväterlich-patriarchale Weltsicht hat. Vermutlich glaubt er tatsächlich, dass Sorgearbeit etwas ist, das von Frauen irgendwie von Natur aus gratis zur Verfügung gestellt wird, vermutlich hat er es es in seinem persönlichen Umfeld immer so erlebt. Meinetwegen. Das Problem ist nicht Götz Werner, sondern seine Entourage, diejenigen, die hinter und um ihn herum stehen und sich gegen jede Kritik von außen immunisieren. Die das Grundeinkommen zu einem propagandistischen Projekt verkommen lassen, bunte Werbefilmchen drehen und Flyer drucken und alle Kritik und alle Einwände an sich runterglitschen lassen. Und hier bin ich mir nicht mehr so sicher, ob gemeinsames Ziehen an einem Strang für mich in Zukunft noch möglich ist.
Zum Beispiel hat es das Schweizer Initiativkomitee (in dem der Götz Wernerismus prominent vertreten ist) jetzt explizit abgelehnt, sich hinter eine Erklärung zu stellen, die das Zusammengehören der Themen Grundeinkommen und Sorgearbeit betont, und in der es unter anderem heißt:
Uns liegt daran, die ungelöste Frage der heute unter- oder unbezahlten, unverzichtbaren Sorgearbeit in den Debatten um das Grundeinkommen stets zum Thema zu machen. Richtig verstanden würde das Grundeinkommen eine neue Ausgangsbasis darstellen, von der aus neue, gerechte Gesellschafts- und Geschlechterverträge ausgehandelt werden können. Wird der Aspekt der fast ausschliesslich von Frauen geleisteten Sorgearbeit jedoch ausgeblendet, kann aus dem Grundeinkommen schnell ein unsoziales, neoliberales Projekt werden, das HausarbeiterInnen, Pflegekräfte und andere im Care-Sektor Beschäftigte mit einem Grundeinkommen „abspeist“. Das Grundeinkommen darf nicht als „Hausfrauenlohn“ missverstanden werden. Es wird für alle bedingungslos ausbezahlt und ermöglicht es allen, von einer gesicherten Existenzbasis ausgehend über alle Formen von Arbeit und deren Verteilung neu zu verhandeln. Zukunftsfähig ist das Projekt des bedingungslosen Grundeinkommens nur auf der Basis einer Definition von „Arbeit“ und „Wirtschaft“, die alle gesellschaftlichen Leistungen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse umfasst.
Ina Praetorius, die selbst Mitglied im Initiativkomitee ist, hatte die Erklärung geschrieben als Erwiderung auf eine Kontroverse über die einseitige Darstellung der Grundeinkommensdebatte im Schweizer Fernsehen (Hintergründe schildert sie hier). Die komplette Erklärung haben wir jetzt auf den Seiten unseres „ABC des guten Lebens“ eingestellt, zum Nachlesen, Weiterverbreiten, Kommentieren.
Bisher habe ich immer gedacht, das Problem sei Desinteresse oder Ignoranz. Ich dachte, es gebe eben in der Grundeinkommensbewegung viele Menschen, die sich für das Thema Sorgearbeit nicht interessieren oder sich bisher nicht mit feministischer Ökonomie beschäftigt haben, oder die anderes halt für wichtiger halten. Das wäre für mich kein Problem, und da würde ich meine Rolle eben darin sehen, diesen Aspekt, den ich wichtig finde, zu vertreten und in die Debatte einzubringen.
Aber jetzt bin ich nicht mehr so sicher, ob es darum noch geht. Eigentlich erlebe ich gemischte linke Gruppen oft so, dass sie feministischen Interventionen gegenüber durchaus aufgeschlossen sind, solange es ihnen keine Arbeit macht. Und mich macht stutzig, dass das hier so gar nicht der Fall ist.
Warum hat man in der Schweiz nicht die Gelegenheit genutzt, sich – wenn man so eine Erklärung schon auf dem Silbertablett serviert bekommt und nur noch unterschreiben muss – zumindest einen aufgeschlossenen Anstrich zu geben? Damit hätte man doch Kritikerinnen wie mir (und ich bin ja bei Weitem nicht die Einzige) elegant den Wind aus den Segeln nehmen können. Warum hat das Initiativkomitee nicht die Rüge gegen den Fernsehsender strategisch genutzt, um eine weitere Sendung, diesmal mit anderem Fokus zu fordern? Wäre das nicht ein kluger Schachzug gewesen – ganz unabhängig davon, ob man das mit der Sorgearbeit persönlich für unwichtig hält oder nicht?
Nein, offenbar halten diese Befürworter des Grundeinkommens das Thema Sorgearbeit nicht einfach nur für unwichtig, sondern wollen aktiv verhindern, dass die beiden Themen miteinander verknüpft werden. Sie wollen es so sehr verhindern, dass sie sogar auf die Chance verzichten, das Thema Grundeinkommen noch einmal prominent ins Fernsehen zu bringen oder mit einer solchen Erklärung noch einmal die öffentliche Debatte anzuregen.
Ehrlich gesagt ist die einzige Erklärung, die mir dafür einfällt, die, dass ihnen das Thema eben nicht egal ist oder unwichtig erscheint, sondern dass sie tatsächlich eine sehr konträre Position zu meiner haben, sich aber bloß nicht trauen, das öffentlich auszusprechen (außer, Götz Werner verplappert sich mal wieder). Ich glaube inzwischen, dass sie tatsächlich das Grundeinkommen auch als ein Projekt verstehen, in dem sich das ungelöste Problem der Sorgearbeit wundersamerweise in Luft auflöst, weil sich dann schon Leute finden werden, die das für ein Grundeinkommen machen werden.
Und das ist der Punkt, an dem ich definitiv draußen bin. Wenn dieses Denken in der Grundeinkommensbewegung vorherrschend wird, werde ich sie nicht mehr unterstützen, sondern dann werde ich sie aktiv bekämpfen. Denn so ein Grundeinkommen halte ich für gefährlich, für unverantwortlich, für grundfalsch.
Zum Glück sieht es in Deutschland ein bisschen anders aus. Hier ist die Grundeinkommensbewegung vielfältiger – hoffe ich jedenfalls. Vor dem Hintergrund meines neulichen Rants zum Beispiel twitterte Wolfgang Strengmann-Kuhn seine Slides zum Thema – er setzt sich bei den Grünen für ein BGE ein und hat das Thema Sorgearbeit zumindest auf dem Radar, auch wenn es mir noch etwas zu optimistisch klingt. Aber immerhin kehrt er das Ganze nicht unter den Tisch.
Ich selbst werde auch immer wieder explizit angefragt, diese Thematik in die Bewegung einzubringen. Zum Beispiel wird im September ein von Werner Rätz und Ronald Blaschke herausgegebener Sammelband erscheinen (im Rotpunkt-Verlag), der auch einen Aufsatz von mir zum Thema Notwendigkeit enthalten wird. Auch wenn ich im Moment etwas grummelig bin, weil der Text schon fertig ist, es jetzt aber noch so lange dauert, bis das Buch da ist, bin ich für das Buchprojekt ziemlich dankbar, denn ohne diese Einladung hätte ich mich wahrscheinlich noch lange nicht hingesetzt und das mal sortiert aufgeschrieben.
Ich argumentiere darin, dass die Aufmerksamkeit für das, was notwendig ist, und die Bereitschaft, das Notwendige dann auch konkret zu tun, eine kulturelle Fähigkeit ist, die nicht einfach gegeben ist, sondern gefördert und gepflegt werden muss. Das ist meiner Ansicht nach der „missing link“ in der derzeitigen Debatte. Götz Werner sagt in der oben verlinkten BR-Sendung:
Freiheit hat etwas damit zu tun, dass man plötzlich in der Lage ist, nein zu sagen. Der andere kann mich nicht abhängig machen. Das ist eine ganz neue Idee.
Ja, aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Wenn wir diese Art von Freiheit, die Freiheit, Nein zu sagen, durch ein Grundeinkommen ermöglichen wollen, geht das nur, wenn wir gleichzeitig in unsere Köpfe reinkriegen, dass Freiheit ebenso bedeutet, Ja zu sagen, wenn irgendwo etwas notwendigerweise getan werden muss. Und dass diese Fähigkeit, das Notwendige zu sehen und dann auch im eigenen Handeln Verantwortung dafür zu übernehmen, derzeit nicht bei allen Menschen gleichermaßen vorhanden ist und vorausgesetzt werden kann.
Wider die Eindimensionalität
Die Münchner All-Girl-Band candelilla ist ganz schön klug. Das beweist sie auf ihrem herausfordenden neuen Album “HeartMutter”, findet Liz Weidinger in ihrer Kolumne auf derFreitag.
Foto – Nikolas Fabian Kammerer
Endlich ist HeartMutter offiziell zu haben, endlich schreien die vier Münchnerinnen von candelilla so oft ich will ihre Textefragmente in mein Hirn. Und endlich kann ich ihrer Aufforderung aus Lied Nummer 27 Folge leisten und mir ein Bild vom sorgsam zusammengebastelten, zweiten Studioalbum machen, es mit meinen Gedanken verknüpfen – und doch so gar nicht verstehen.
Im vergangenen Herbst waren sie mit einer streng limitierten und selbstbedruckten Edition der Platte auf Tour und stellten ihre neuen Stücke den Fans vor. Und selbst da war das Album schon gut ein Jahr lang fertig. Und nun ist es also draußen. Produziert wurde es komplett analog im August 2011 bei Produzentenlegende Steve Albini in Chicago – was da so passierte ist nachzulesen und anzusehen in kleinen Blogeinträgen der Band. HeartMutter ist in Ruhe gereift und wird aufgeregt und voller Hingabe live gespielt.
Lieber schwierig
Entstanden ist die Gruppe candelilla schon 2001. Nach einer Pause hat sich die Band im Jahr 2007 unter der heute aktuellen Besetzung aus Mira Mann, Rita Argauer, Lina Seybold und Sandra Hilpold wiedergegründet, um in der bayerischen Hauptstadt gemeinsam für intellektuelle und künstlerische Abwechslung mit ihrer Interpretation von Post-Rock und Grunge zu sorgen: Gitarrenmusik, mit Gitarre, Schlagzeug, Bass – und Klavier.
Seitdem nummerieren die Vier ihre Songs chronologisch durch, statt ihnen eingängige Titel zu geben und unternehmen auch allerhand, um ihre Verweigerungshaltung und ihre Begeisterung für Schwieriges in der Basis der Band festzuschreiben. Denn “hier regiert der Spaß und Spaß im besten Sinne”, wie es in der 30 neben vielen anderen tollen Textschnipseln so schön heißt.
Was bei der Band auffällt: Es gibt keine Frontfrau und damit auch keinen mediengerecht gebündelten Aufmerksamkeitsfokus. Alle vier Mitglieder sind gleichberechtigt, schreiben Songs und Lyrics gemeinsam und bekommen 25 Prozent der Gema-Einnahmen. Die drei Frauen an Gitarre, Bass und Piano singen abwechselnd, zusammen und durcheinander, auf Deutsch und Englisch. Eindimensionale Aussagen oder gar ein Lebensgefühl werden so rigoros aus den Liedern und dem Album gestrichen. Widersprüche und Gegensätze vielmehr abgebildet und ausgestellt. Außerdem sucht man vergeblich nach typischen Songstrukturen, nach der Wiederholung von Strophe und Refrain. Vielmehr brechen Gitarrenwände ein, der Rhythmus treibt nur nach vorn und das Klavier geht trotzig dazwischen.
Wirklich?!
Mit dieser Begeisterung für Widerspruch haben sie mich natürlich schnell überzeugt. Wieder aus der 30: “Ist es Lachen, ist es Weinen? Lass es Ungehorsam sein.” Die Mühe, die ich jedoch darauf verwende, Zweifel an heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit zu üben, fließt bei den vier Künstlerinnen seit dem Schreiben an HeartMutter in die Auseinandersetzung mit Wirklichkeit – oder das, was mit ihr passiert, wenn man versucht, sie in Kunst zu übersetzen. Zum Beispiel transportieren die künstlichen und konstruierten Wortspielereien im Titeltrack 32, die nicht viel mehr sind als leere Hülsen, deutlich mehr an Erfahrungen und Gefühlen, als das angestrengt ausformuliert möglich gewesen wäre.
Die Vielstimmigkeit der Band und ihr gepflegtes Multikompetenztum zeigt sich nicht nur in der Musik, sondern auch in einer im Sommer 2012 zur Wirklichkeit veröffentlichten Heft- und Videoserie. Entstanden sind ein Wanderführer, der Natur konsultiert, ein Fotografie-Notiz-Buch, ein Essayband und Gedichte als Versuchsaufbau. Verfilmt wurden die Hefte dann auch noch. Zum Beispiel Manns Video zu Seybolds Wanderheft But a panoramic view cures heart.
Kreativen und theoretischen Input gibt es also viel bei dieser wichtigen Frauenband – und ausreichend Wut auf vorgegebene Wege und Normen noch dazu. Und die ist schließlich grundlegend für jede Feministin.
Femen-Aktivistin in Psychiatrie
Eine tunesische Femen-Aktivistin wurde wegen ihres Engagements in der Gruppe von ihren Eltern in die Psychiatrie eingewiesen.
Selbermach-Sonntag (24.03.)
Schon wieder eine Woche rum. Und immer noch dieses Winter-Dings da draußen. Beste Zeit um bei einer heißen Schokolade durch die weiten des Netzes zu surfen. Teilt hier doch mit uns, welche Texte ihr diese Woche geschrieben habt, was für Beiträge haben euch gefallen haben und eure feministischen Erlebnisse.
Sexuelle Übergriffe und das Internet
Gerade lese ich diese Geschichte in der FAZ und raufe mir die Haare: Eine Reporterin hat sich in für Kinder konzipierten Chats und Foren als Mädchen ausgegeben und war ausnahmslos nach wenigen Minuten mit sexuellen Belästigungen und Übergriffen konfrontiert. Was kann man dagegen machen? Na klar, das Internet kontrollieren, Vorratsdatenspeicherung, trallala. Schuld daran, dass man den Bösewichten nicht beikommen kann, sind die Internetaktivisten, die allen, die da etwas unternehmen möchten, gleich mit einem Shitstorm drohen.
Kein Wort hingegen darüber, was für eine Kultur und Gesellschaft das ist, die massenweise Leute (Männer) hervorbringt, die ihre Freiheit damit verbringen, Kinder sexuell zu belästigen. Kein Wort darüber, dass es sich hier ja ganz offensichtlich nicht um eine winzige Gruppe von Einzeltätern handelt, sondern um ein verbreitetes Phänomen, das eingebettet ist in eine Kultur, in der Sexualität mit Macht verwoben ist, in der Frauen überall auf Plakaten und im Fernsehen als Objekte sexueller Männerphantasien dargestellt werden. Nicht das Internet, sondern diese Kultur ist das Problem.
Ich habe grade keine Zeit, das ausführlicher zu verbloggen. Aber was hier mehr hilft als Versuche, diese angeblichen Einzeltäter durch eine Kontrolle des Internets aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen, was ohnehin nicht besonders aussichtsreich ist, ist ein realistischer Umgang mit dieser Situation:
Wir müssen benennen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die leider sexuelle Belästigung als weithin akzeptiertes Verhalten hervorbringt. Und wir müssen wohl auch schon mit Kindern darüber sprechen und sie darauf vorbereiten, dass sie mit ziemlicher Sicherheit solchen Typen begegnen werden, im Internet auf jeden Fall, aber leider allzu oft auch außerhalb.
Wir müssen zunächst einmal uns selbst eingestehen, dass wir nicht in der Lage sind, unsere Kinder vor sexuellen Belästigungen zu schützen, jedenfalls nicht, solange sexuelle Belästigungen in unserer Kultur so normal und weit verbreitet sind, wie es derzeit eben der Fall ist. Zu behaupten, mit ein bisschen Vorratsdatenspeicherei würden wir das schon in den Griff kriegen, ist hingegen zynisch.
Wir werden das nicht in den Griff kriegen, solange sich unsere gesellschaftliche Mentalität nicht ändert, solange nicht sexuelle Belästigung überall und in allen Bereichen des Lebens ganz klar als inakzeptables Verhalten geächtet und unterbunden wird. Und, leider, wird das realistischerweise wohl noch eine ganze Weile dauern.
Solange es ist, wie es ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als diese Gefahr offen auch mit Kindern zu besprechen. Damit sie wissen, was sie in solchen Fällen tun können: Diese Belästigungen Erwachsenen zeigen, mit anderen darüber reden, die Typen blockieren, sich auf keinerlei Konversation einlassen.
Wichtig ist, dass die Kinder nicht glauben, dass das etwas ist, was nur ihnen passiert und niemandem sonst, sondern dass sie wissen, dass das leider nun einmal ganz weit verbreitet ist und nicht auf sie persönlich zielt. Wir müssen mit ihnen üben, wie man auf sexuelle Belästigung reagieren kann, wir müssen sie aufklären, damit sie nicht an sich selbst zweifeln, wenn ihnen so etwas begegnet, und wir müssen eine Atmosphäre schaffen, die sie souverän genug macht, die Situation zu durchschauen und sich davor zu schützen.
Das gilt übrigens bei sexueller Anmache generell, im Internet genauso wie anderswo.
Samstagabendbeat mit Amanda Marshall
Hoppla, ich bin ja ganz alleine zuhause, weil fast das komplette Mädchenmannschaftsteam heute auf dem Panel zu “Feminist Alliances Across Borders” gewesen ist. Tja. Warum also nicht einfach noch einen späten Samstagabendbeat raushauen? Zum Beispiel für die Kolleg_innen, die gestern und heute einen ganz tollen Job gemacht haben? Oder die Menschen, die auf der Refugee-Protestmarsch-Demo waren? Deswegen. Fühlt Euch einfach mal alle gedrückt. Einfach so. Herz.

