„Es lebe der Widerspruch!“
Presseerklärung zum bundesweiten ju_fem_netz Treffen 2011 in Darmstadt
Das zweite ju_fem_netz (Treffen) fand dieses Jahr in Darmstadt statt. Unter dem Motto: „Wir vernetzen uns, weil...?“ wurde drei Tage intensiv, konstruktiv und kritisch diskutiert.
In den Workshops zu Critical Whiteness, Heteronormativität und Neoliberalismus/ Kapitalismus haben circa 30 Frauen aus verschiedenen Zusammenhängen die Aus- und Einwirkungen des jeweiligen Systems lebendig erarbeitet. Daneben waren es vor allem die inhaltlichen und organisatorischen Fragen zum ju_fem_netz, welche das diesjährige Zusammenkommen der Feministinnen in Darmstadt prägten.
Critical Whiteness. Im Rahmen dieser Thematik wurde sich mit der Setzung von Weißsein als unmarkierte Norm im (weißen) deutschen feministischen Diskurs auseinandergesetzt. In dem Workshop ging es darum, diese Konstruktion von Geschlecht als eine „farblose Kategorie“ zu hinterfragen. Hierzu wurde sich u.a. mit der Kritik Schwarzer Feministinnen an einem hegemonialen weißen Feminismus beschäftigt und so der Weg zu einer Selbstverortung und Reflektion der eigenen aktuellen feministischen Praxis und somit der eigenen Widersprüche geebnet.
Heteronormativität – Zweigeschlechtlichkeit – queere Theorie – feministische Perspektive. Dieser Workshop stellte mit Hilfe verschiedener Methoden und Perspektiven sowie dem eigenen Erleben, unter anderem folgende Fragen in den Mittelpunkt: Wie funktioniert das „System der „Zweigeschlechltlichkeit?“ Wie sind „Geschlecht“ und „sexuelle Identität“ mit weiteren bedeutsamen Kategorien verwoben und was bedeutet das für unser eigenes Aktionsfeld? Wo erleben „wir“ Diskriminierungen und Privilegisierungen im Alltag? Vor allem die Frage und wie sich diese in unseren Alltag eingeschrieben hat brachte eine wichtige und berührende Diskussion hervor. Auch hier war der Begriff des Widerspruchs vorhanden: Denn trotz der Bemühungen sich nicht in das heteronormative Netz einspinnen zu lassen, mussten die Teilnehmerinnen erkennen, dass dieses Vorhaben bereits an alltäglichen Situationen scheitern kann.
Neoliberalismus/ Kapitalismus. In diesem Workshop wurde unter dem Motto "Alphamädchen oder Bildungsgewinnerinnen: Am Ende sind wir selbst schuld! Über die Ein- und Auswirkungen eines kapitalistischen, neoliberalen Systems auf die feministische (Mädchen-)Arbeit." diskutiert. Mit Blick auf herrschende Politikdiskurse wurde begreifbar, wie sehr ein kapitalistischen System die Logik der Zweigeschlechtlichkeit braucht, um die Verwertbarkeit einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zu gewährleisten. Das „Scheitern“ an den Bedingungen dieser Logik war ein zentrales Moment der Diskussion: „Scheitern“ an den Widersprüchen, den Bedingungen und Verkürzungen im politischen, pädagogischen und persönlichen Alltag, der immer auch eingebunden ist in eine kapitalistische Verwertungslogik. Dieses „Scheitern“ gilt es als ein Teil einer neoliberalen Vereinzelung, Entpolitisierung und Entsolidarisierung zu verstehen. In Bezug auf die feministische Arbeit bedeutet dies, dass wir weder von „Alphamädchen“ noch „armen Mädchen“ als Legitimation unserer Arbeit reden sollten, sondern die Mädchen und uns ernst nehmen und damit den Blick auf die Strukturen, in die wir eingebunden sind, richten müssen.
Das Fazit dieses aber auch der anderen Workshops war, dass es Zeit und Raum braucht, um das genannte „Scheitern“ und die sich daraus ergebenen Widersprüche als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse und Konfliktlinien zu verstehen. Das Konzept die Widersprüche „nicht mehr als persönliches „Versagen“, sondern als wichtige Brüche und Risse im System zu sehen, die es aufzudecken, zu benennen und zu
politisieren gilt“, so Linda Kagerbauer, eine der diesjährigen Veranstalterinnen, stieß sofort auf Zustimmung.
Dieses Konzept prägt das Bild und beschreibt die politische Motivation des Treffens:
"Die Stelle drückt meiner Meinung nach genau das aus, worum ´s allgemein geht, nicht nur bezüglich der Workshops, sondern hinsichtlich der Feminismen und des ju_fem_netz: Wir vernetzen uns, weil ein „Wir“ doch unumgänglich ist. Das Politische durch das politische Subjekt mal wieder in den Vordergrund stellen und zwar durch – und das fand ich glänzend – die Widersprüche! Großartig! Das sollten wir nochmals betonen, dass auch das ju_fem_netz von diesen Widersprüchen zehrt, indem es viel zu reden und auszuhandeln gibt! Das Politik genau so geht, und dass es eben an der Zeit ist da anzusetzen. Dass es neben der ziemlich wissenschaftlichen Ausrichtung eben die Idee und das Entwickeln hin zur Offenheit des
nächsten Treffens gibt!“, so Kathrin Leipold.
Die Ausarbeitung und vor allem die Politisierung der Widersprüche veranschaulicht die solidarische Stimmung, die dem diesjährigen Treffen sein Gesicht gab. Vor allem in der am Sonntag stattfindenden
Ausarbeitung um die Zukunft und die Gestaltung des Netzwerkes, entwickelte sich aus vielen kleinen Widersprüchen eine lebendige und konstruktive Diskussion. Dort ging es vor allem, um Fragen des
Verteilers und der Barrierefreiheit. Festgehalten wurde, dass Tine Schneider und Stephanie Mayfield mediale Möglichkeiten zur passenden Kommunikation für das ju_fem_netz recherchieren und Vorschläge über den Verteiler machen. Hier gibt es dann die Möglichkeit zwei Wochen lang Fragen und Einwände zu diskutieren, um anschließend eine Entscheidung zu treffen. Bezüglich des nächsten Treffens in Freiburg 2012 wurde festgehalten, dass auf den offenen Charakter des Netzwerkes abgehoben werden muss, um imVorfeld Ausschlüsse und Klüngelei zu vermeiden.
Insgesamt bleibt zu betonen, dass viel zu wenig Zeit für die Übertragung und Umsetzung aller Ideen blieb. Die nachfolgende Stelle soll die Lust und vielleicht auch den Frust in Bezug auf strukturelle Fragen und deren Gestaltung deutlich machen. Gleichzeitig transportiert sie, wie sehr alle Teilnehmerinnen an diesem Netzwerk arbeiten wollen, um einen autonomen, feministischen Raum zu haben, den alle zusammen gestalten und verwalten können:
"Also, um mich nochmal klarer auszudrücken. Was ganz stark zu bemerken war, war doch der Wille da jetzt auch was aufzubauen! Und die Workshops waren zwar auch ein oder das Hauptrahmenprogramm, aber das Herzblut hing doch bei vielen an den organisatorischen und gestalterischen Fragen zum ju_fem_netz und ihres Selbstverständnisses", so eine Teilnehmerin.
Diese Leerstellen, die sich aus der eigenen Betroffenheit, der Präsenz von wissenschaftlichen Analysen und Ansprüchen und dem Funktionieren im Alltag ergeben, gilt es demnach ernst zu nehmen und zu thematisieren: „Wir müssen wieder mehr Politik über uns machen!“, fasst Nicole Lormes diese Stimmung zusammen. Unser eigenes Erleben, die eigenen Widersprüche im Umgang mit diesen Themen zu benennen und zu politisieren, das war das Besondere an diesem Wochenende und wird auch im nächsten Jahr in Freiburg eine Fortsetzung finden.
Ausblick „Wir vernetzen uns weil...“
... wir über Feminismus bzw. Queerfeminismus diskutieren wollen.
... wir Themen wie Intersektionalität bearbeiten wollen.
... wir Kritik üben wollen an Ungleichheitsverhältnissen, Macht und Herrschaftsstrukturen, ökonomischen Verhältnissen und Hierarchien.
... wir Diskussionsprozesse über Heteronormativität anregen wollen (z.B. Heteronormativitätskritik aus Sicht heterosexueller Frauen).
... wir den Umgang mit Privilegien thematisieren.
... wir Alternativen schaffen, Problemlagen benennen, Utopien denken, informelle Hierarchien abbauen, andere Menschen motivieren und Transparenz schaffen wollen.
... wir uns gemeinsam über unsere Finanzierung und eigene Struktur(Konsens?) Gedanken machen wollen.
... die Vielfalt unsere Basis darstellt.
Aufruf - Alle sind herzlich eingeladen!
Wir verstehen diese Diskussionen als einen Baustein, der die Entwicklung von Selbstverständnissen des ju_fem_netz begleiten soll. Dabei sind wir ein offenes Netzwerk, das Mädchenarbeit als Fokus und Lupe versteht, an dem sich die Wirkungsmechanismen eines sexistischen Systems besonders deutlich zeigen. Aber auch Interessierte außerhalb der Mädchenarbeit sind herzliche eingeladen, das Netzwerk für sich zu nutzen. Wir sind erst gestartet, mit Fragen nach Strukturen, Selbstverständnissen, Kommunikationsformen etc. Das ist ein spannender Prozess, in dem wir alle beteiligt sind, einen widerstands- und widerspruchsfreudigen Raum zu besetzen!
Die bevorstehenden Termine:
Zwischentreffen am 17./18. Dezember 2011 in Berlin
Hier wird in Berlin weiter an dem Manifest gearbeitet, das auch Diskussionen und Ergebnisse aus dem diesjährigen Treffen aufnehmen wird. Als ein „Blitzlicht“ soll das Manifest unseren Prozess in der Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, unsere Positionen, Selbstverständnisse und Verständnisse von Feminismus abbilden.
Nächstes ju_fem_netz am 7.-9. September 2012 in Freiburg
Im Lauf der nächsten Zeit werden wir die Homepage erweitern, um alle an den Vorbereitungen dieses Treffens zu beteiligen und Partizipation sowie Barrierefreiheit zu ermöglichen.
Wer mitmachen möchte, kann sich hier in den Verteiler aufnehmen lassen und so weitere Info erhalten.
